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Kirche auf gutem Grund
Elf Leitsätze für eine aufge­schlossene Kirche


Ein persönlicher Kommentar

Wie schon oft in der Vergangenheit wird gegenwärtig über die Zukunft der Kirche diskutiert. 14 Jahre nach dem letzten Impulspapier „Kirche der Freiheit“ (2006) sollen hier nun elf Leitsätze „für eine aufgeschlossene Kirche“ Klarheit bringen. Zur Diskussion gestellt werden sie vom „Z-Team“ der EKD, einer hochrangig besetzten Gruppe aus kirchenleitenden Persönlichkeiten. Ich habe die Leitsätze mit Spannung gelesen. Hinter so manchen Leitsatz würde ich ein dickes Ausrufungszeichen setzen: Digitalisierung: Ja! Ökumene: Ja! Kooperationen, Offenheit und Dialog: Ja! Differenzierung: Ja! Entbürokratisierung und Entschlackung des Gremienwesens: Oh ja!

Doch hinter einiges kommt auch ein Fragezeichen. Das liegt nicht zuletzt an der phrasenhaften und unscharfen bis inhaltsleeren Sprache. Das in weiten Teilen hermetisch-eigenresonante Kirchenfunktionärs-Deutsch muss man erstmal dechiffrieren (nicht ohne Grund liegt schon jetzt eine Übersetzung in „leichte Sprache“ von Holger Pyka vor). Ich hätte gerne auf das Lesen von sprachlichen Nebelkerzen und Euphemismen verzichtet. „Es geht um mehr als um Sparmaßnahmen, Rückbau und effizientere Strukturen“ (Z. 18f). Ja klar geht es um mehr, aber darum geht es doch auch und das muss man auch offen sagen! Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. All das mag vielleicht das sprachliche Proprium kirchlicher Papiere sein, aber mir persönlich wäre ein bisschen mehr Luther lieber gewesen: „Iss, was gar ist; trink, was klar ist; sprich, was wahr ist!“ Die Wahrheit ist immer konkret und der Teufel sitzt ja bekanntlich im Detail. So ist man bei so manchem auf Spekulationen angewiesen, was das alles nun konkret für wen (und ab wann) bedeuten mag.

Doch eines ist klar: Da bauen Architekten „von oben“ eine neue Kirche, in der fast kein Stein auf dem anderem bleibt und in der „versäulte Strukturen abgebaut werden“ (10. LS, Z. 453). Sie tun das nicht ohne guten Grund, denn es wackelt gewaltig im Haus des Herrn. Da stürmt so manche Finanz- und Relevanzkrise auf uns zu, auch der Haussegen hängt an einigen Stellen schief und die Besucher*innen machen sich rar. In einer „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz) kann man es nicht jedem gleichzeitig recht machen und konventioneller Standard reicht schon gar nicht aus. Ohne Frage: Es reicht nicht aus, ein paar Möbel umzustellen. Radikale Umbaumaßnahmen tun not. Das Konzept dafür steht. Das Haus des Herrn soll „zu einem dynamischen und vielgestaltigen Miteinander wechselseitiger Ergänzung“ (LS 6, Z. 264f), d.h. einer aufgeschlossenen, dezentral agierenden NGO-Bewegungskirche (vgl. 10. LS, Z. 466-468) werden: flexibel, kooperativ, offen, smart und modern. Das klingt erst mal nicht schlecht – aber auch teuer. Gerade bei beschränktem Budget und schwindenden Ressourcen muss man priorisieren, da bedeutet Neu- und Umbau immer auch Abbau von etwas anderem. Und dann kann es sein, dass die Modernisierung bisweilen den Beigeschmack von Gentrifizierung bekommt. Konkret: Es geht auf Kosten der Parochie. Die hat im zukünftigen Haus Gottes kaum mehr einen Platz. „Parochiale Strukturen werden ihre dominierende Stellung als kirchliches Organisationsprinzip verlieren. [...] Es gilt, Beharrungskräfte einzuhegen.“ (6. LS, Z. 292f; 10. LS, Z. 470). Die palliative Parochieabwicklung zieht sich als hidden Agenda durch die Leitsätze. Dies entspricht zwar der Gesamtlogik des Textes, birgt aber ein gewisses Risiko. Während die neue NGO-Bewegungskirche in ihren Konturen noch unscharf, um nicht zu sagen ein Luftschloss ist, ist die Ortsgemeinde gegenwärtig einer der Ecksteine, wenn nicht der Eckstein der Kirche (vgl. auch die V. KMU, die sowohl der Kirche vor Ort als auch dem Pastor*in eine Schlüsselfunktion im Hinblick auf Kirchenbindung zuspricht ). Wenn dieser Eckstein von den Bauleuten verworfen wird, wird das Haus schief und es geht ein Riss durch das Fundament. Der Systematiker Günter Thomas hat es trefflich auf den Punkt gebracht „Die NGO-Bewegungskirche lebt in Wahrheit von den vielen Stillen im Lande, denen die Gemeinde, auch aus der Distanz betrachtet, sehr wichtig ist. Die dynamischen Kämpfer der NGO-Bewegungskirche, die alle nahe am Puls der gesellschaftlichen Gerechtigkeitsempfindungen leben, leben ökonomisch von denen, die sie im Grunde genommen verachten. Der Vortrupp der neuen Gesellschaft lebt vom Geld der Zurückgebliebenen.“

Die Polarisierung von Parochiestrukturen einerseits und „dezentralen Formaten“ (6. LS, Z. 285), „Erprobungsräumen und kreativen Experimenten“ (8. LS, Z. 385f) sowie „experimentellen Sozialformen von Gemeinde“ (10. LS, Z. 452) finde ich unnötig. Natürlich gibt es Ortsgemeinden, die ums Überleben kämpfen, die sterben, die tot sind, die vermutlich nicht mehr auferstehen werden (woran das liegt, wäre auch mal Gegenstand einer kritischen Selbstanalyse: Nicht jeder Schaden kommt von außen, man kann auch selbst im eigenen Haus zündeln). Das für mich zwischen den Zeilen gezeichnete Bild der Ortsgemeinde als ein in sich selbst verkrümmtes „gallisches Dorf“, das allein in seinem heruntergekommenen Vereinshaus vor sich hinstirbt und sich in nostalgischem Schwärmen von der guten, alten Zeit ergeht, ist ein falsches Bild, ja ein Zerrbild. Ich erlebe viele Ideen, die „von unten“ aus den Ortsgemeinden und ihren Kooperationspartnern erwachsen wie z.B. Kulturkirchen, überregionale Tauffeste, offene Cafés oder Kantoreien mit überregionaler geistlicher Strahlkraft. Auch Ortsgemeinde kann flexibel, kooperativ, offen, smart und modern sein und zugleich nachhaltige Beziehungsarbeit entfalten (letzteres scheint mir bei dezentraler kirchlicher Projektpraxis schwierig zu sein). Natürlich wird es Zusammenlegungen geben und parochiale Strukturen werden sich öffnen und verändern müssen („Mein Dorf, meine Kirche, mein Gemeindehaus, mein Pastor*in“ wird es flächendeckend nicht mehr geben), aber auch in der Ortsgemeinde bzw. „Ortsgemeinde 2.0“ sehe ich Chancen und Potentiale. Totgeglaubte leben ja bekanntlich oftmals länger als gedacht. Und nicht jedes innovative Projekt hat sich als lebensfähig erwiesen. Gut funktionierende, aufgeschlossene Ortsgemeinden und deren Potentiale einzuhegen, mutet in ekklesiologischer Hinsicht ein wenig wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod an. Hier wäre man gut beraten, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. „Bei aller berechtigter Sorge um die pastoralen Strukturen der Zukunft: Lasst Gemeinden sein was sie sind, so lange sie es sind! [...] Es muss nicht immer alles innovativ sein. Es genügt gegenwärtig und in Bewegung zu sein.“ (Judith Müller).

Wenn die Ortsgemeinde abgeschafft wird, wird auch der Pfarrberuf unklar (Pastor*innen kommen explizit nicht vor; das Wort „Amtskirche“ erscheint 1 x in Anführungsstrichen). „Der“ Schlüsselberuf oder das „Amt“ scheint er in Zukunft nicht mehr zu sein; von Pfarrerzentrierung oder lutherischer Amtstheologie findet sich kein Wort mehr. Das Pfarramt scheint eher an der Seite der übrigen Haupt- und Ehrenamtlichen zu stehen. Das muss nicht schlecht sein, aber es müsste klarer werden, wie das praktisch aussehen soll – nicht zuletzt im Hinblick auf die Gestalt des Theologiestudiums: Was ist die Aufgabe des zukünftigen Pfarramts: Sozialarbeit? Themen-, Event- und Projektmanagement? Credotainment? Kasualdienstleistung? Human Ressource and Retention Management? ...?

Allein diese Fragen bergen viel Sprengstoff und versprechen eine spannende Diskussion. Dies gilt auch für die Option für partizipative, unterschiedliche Formate von (situativer) Kirchenzugehörigkeit und neue Formen finanzieller Beteiligungen (7. LS) und nicht zuletzt für die Relativierung des sonntäglichen Gottesdienstes (6. LS; Z. 271f). Das Papier ist – so hoffe ich – ein Impuls zur Diskussion und nicht deren Endergebnis (auch wenn die „Sprache von oben“ eher nach einer Beschlussvorlage klingt: So werden die Leitsätze regelmäßig mit „zukünftig wird [...] gefördert “ o.ä. eingeleitet). Was jetzt – neben der erforderlichen strukturellen und finanziellen Konkretion – zu wünschen wäre, ist vor allem eine substantielle theologische Auseinandersetzung um das Wesen, die Gestalt und den Auftrag der Kirche auf biblischer und reformatorischer Basis, d.h.: Was ist eigentlich evangelisch, außer evangelische Kirche und ihre Aktionen irgendwie gut zu finden und sich sozialpolitisch zu engagieren?


PD Dr. Martina Janßen
dr.martina.janssen@evlka.de



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